Iberico di Westfalia – Besuch auf dem Schweine-Hof

Iberico

Ab in die nächste Runde zum Thema Fleisch und bewusster Konsum! Nachdem die letzten Wochen vollgepackt waren mit Feiertagen, zusätzlichen sozialen Verpflichtungen und… generell dem sozialen Leben in der Sonne, kann ich mich heute endlich mal wieder sortieren und erzählen, was wir Anfang Mai im Münsterland erlebt haben. Nämlich durfte ich Freundschaft schließen mit einer Iberico-Ferkel-Gang, als wir Andrea und Christian Vincke auf ihrem Hof in der Nähe von Münster besuchen durften! ♥ 

Seit 2017 züchtet das Paar, ausgehend von ursprünglich 5 Iberico-Ferkeln, die berühmte spanische Schweinerasse im deutschen Westfalen, östlich von Münster. Unter dem augenzwinkernden Namen „ibericowestfalia“ bin ich irgendwann via Instagram über das Projekt gestolpert und kam aus Neugier mit Christian ins (virtuelle) Gespräch. Schließlich mutet die Idee, „richtige“ Ibericos auch in Deutschland zu züchten, ja doch etwas kurios an. Und dann auch noch quasi um die Ecke von Daniels Familie… das wollten wir uns unbedingt vor Ort anschauen! Also machten wir passend zu unserem nächsten Familienbesuch einen Termin mit Andrea aus und statteten den beiden einen Besuch ab, inklusive Stallbegehung und Ferkel-Bespaßung.

Iberico-Zucht in Deutschland zwischen Nische und Nachhaltigkeit

Den Ursprung nahm das Projekt eigentlich im familiengeführten Betrieb selbst, denn Schweinemast betreiben die Vinckes schon eine ganze Weile. Vier Generationen leben derzeit zusammen auf dem Hof. Betrieben wird mittlerweile vorwiegend Ackerbau und Schweinezucht. Passt auch prima zusammen, denn so entsteht ein ganzheitlicher Kreislauf. Futter, dass selbst angebaut werden kann. Schweine, die wiederum den nötigen Dünger erzeugen. Allerdings ist es neben der industriellen Landwirtschaft im großen Stil (mit minimierten Produktionskosten und maximaler Marge bei günstigen Preisen) für solche „kleinen“ Betriebe schwierig, sich noch über Wasser zu halten bzw. rentabel zu wirtschaften.

Christian erzählte uns, wie stark man als Landwirt dem Preisdiktat von Zwischenhändlern und Großabnehmern unterliegt. Der Druck, immer mehr immer billiger zu produzieren ist allgegenwärtig. Wie auch in allen anderen Branchen gibt es dafür eine Alternative: Die Spezialisierung auf ein „nischigeres“ Produkt mit einem möglichst nicht ganz so kleinen Absatzmarkt. Genau diese Eigenschaften bringt Iberico-Fleisch mit sich. Die feine Maserung, das aromatische Fleisch und nicht zuletzt der berühmte Schinken haben die halbwilde spanische Schweinerasse in den letzten Jahren zu einem Synonym für Qualität werden lassen.

Ehrlich gesagt war der Besuch bei den beiden der perfekte Feiertags-Ausflug. Wer das Münsterland oder Westfalen kennt, oder so wie ich kennenlernen durfte, weiß, dass die Mentalität durchaus… herb sein kann. Vor allem, wenn man a) südeuropäische Wurzeln hat und b) in Köln aufgewachsen ist. Dass dort manche Eltern ihren Kindern zum Abschied die Hand geben statt einer Umarmung, daran muss man sich erst gewöhnen. Umso schöner war es bei Christian und Andrea.

Trial and error – vom Hobby zum Business

Was für die beiden vor knapp 2 Jahren als lose Idee anfing, hat sich mittlerweile zu einem veritablen kleinen Nebenerwerb mit Potential ausgebaut. Die Nachfrage nach Iberico ist in Deutschland hoch. Wer denkt, dass nur Spanien „richtiges“ Iberico hervorbringen kann, sollte sich einmal näher mit den verschiedenen Klassifikationen auseinandersetzen, denn Iberico ist keinesfalls so klar definiert, wie man meinen sollte. Und obwohl man die Bezeichnung Iberico automatisch mit Qualität assoziiert, lohnt es sich, ein bisschen genauer hinzuschauen. Denn die halbwilde Rasse kann ganz unterschiedlich aufgezogen werden.

Wie bei anderen Produkten gibt es auch beim Iberico die Unterteilung in unterschiedliche Qualitätsklassen, denn nicht jedes Iberico-Schwein, das auf unseren Tellern landet, durfte wild umherschweifen und sich von Eicheln ernähren. Auch wen wir alle das gerne glauben würden. Das Prinzig der Zufütterung und Stallhaltung ist durchaus verbreitet. ebenso wie die Kreuzung des Iberico-Schweins mit resistenteren Schweinerassen. Wieso dann nicht auch in Deutschland mit der Rasse arbeiten? Eicheln lassen sich auch hier zufüttern, Auslauf kann man den borstigen Tieren auch hier gewährleisten.

Andrea und Christian pachteten zunächst einmal einen alten Schweinestall inklusive ausreichend Auslauf. Die ersten Tiere wurden aus Spanien importiert. Die Besamung erfolgte zunächst durch… Bio-Material… aus Spanien 😀 Bis die Spanier selbst merkten, dass man sich durch den Export von Samenmaterial evtl. ins eigene Bein schießen könnte und den Export von Samenmaterial beendeten. Zumindest wurde der Eber, dessen Sperma für den Export zugelassen war, kürzlich geschlachtet. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt 😉

Aber auch die Aufzucht stellte das Paar zunächst vor einige Experimente. Womit füttern und wie intensiv? Christian erzählte, dass die ersten Schlachttiere viel zu fett geraten waren. Im Lauf der Jahre experimentierten die beiden also mit verschiedenen Futtermethoden. Derzeit werden Eicheln zwar zugefüttert, die Schweine bekommen allerdings in erster Linie eine Mischung aus selbst angebautem Getreide und Ergänzungsfutter.

Stallausflug

Danach hieß es für uns: Ab in den Stall mit Andrea! Dort warteten auf uns zunächst Plastik-Überschuhe und dann 18 quicklebendige Ferkelchen ♥ Wer noch nie von 18 Mini-Schweinchen bedrängt und gezuppelt wurde, hat auf jeden Fall etwas verpasst! Ich bin natürlich sofort in die Ferkel-Box gehüpft. Aber auch den Außenbereich durften wir uns anschauen. Dort können die größeren Schweine nach Herzenslust spielen, wühlen und suhlen. Die ganze Bewegung sorgt für das wunderbar durchwachsene Fleisch mit intermuskulärem Fett, kurz gesagt, die Marmorierung, die es so besonders zart und saftig macht. Schaut man sich den Stall an, so bekommt man ein Gefühl dafür, wie Schweine wohl vor 100 Jahren gehalten wurden. Apropos vor 100 Jahren: Ich muss diesen Sommer in Kroatien unbedingt daran denken, viele Bilder davon zu machen, wie dort Landwirtschaft noch während meiner Kindheit betrieben wurde.

Nach etwas 1,5 Jahren sind die Ibericos dann ausgewachsen und werden geschlachtet. Die Schlachtung erfolgt regional und der Verkauf direkt auf dem Hof. Derzeit gibt es neben den üblichen deutschen Cuts auch den ein oder anderen Versuch, internationale Cuts auszuprobieren.

Mit nach Köln nahmen wir eine superleckere Paté, Schmalz, dicke Rippen, Koteletts und den St-Louis-Cut (hier gibts einen rudimentären Überblick über Rippchen und ihre Cuts). Momentan warten nur noch die Koteletts auf ihre Zubereitung in unserem TK. Wir werden aber auf jeden Fall nochmal bei den Vinckes vorbeischauen. Alleine um zu schauen, wie sich das Projekt in den kommenden Jahren entwickeln wird.

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, mehr zu Schlachtterminen wissen, Fleisch vorbestellen oder generell Kontakt zu den beiden aufnehmen möchte:

Christian Vincke
Vinckenweg 30
48351 Everswinkel

http://www.hofvincke.de/

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